Medizinethik im Unterricht: Sterbehilfe, CRISPR/Cas oder Organspende diskutieren

Expert:inneninterview mit Professor Dr. Carmen Kaminsky

Professor Dr. Carmen Kaminsky lehrt und forscht an der TH Köln unter anderem zu Angewandter Ethik, Forschungsethik, zu Theorien und Ethik Sozialer Arbeit, zum Philosophieren mit Kindern sowie zu digitalen Technologien und sozialen Diensten. Dabei liegen einige ihrer Schwerpunkte auf den Gebieten der Medizinethik sowie der Public-Health-Ethik. In unserem Expert:inneninterview spricht sie über die Relevanz von Medizinethik für den schulischen Unterricht.

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Professor Dr. Carmen Kaminsky 

1.  Frau Kaminsky, Sie lehren an der TH Köln. Die Medizinethik als Fachgebiet der Angewandten Ethik ist eines Ihrer speziellen Lehrgebiete. Was fasziniert Sie daran und welche Themen finden Sie besonders spannend?

Fragestellungen der Angewandten Ethik werden nicht von Moralphilosoph:innen aufgeworfen, sondern sie tauchen in lebensweltlichen Zusammenhängen auf; sie sind konkret und dringlich zu bewältigen – das macht sie für mich interessant. Bei Fragen aus dem Bereich der Medizinethik kommt hinzu, dass sie häufig Fragen nach unserem menschlichen Selbstverständnis betreffen, zugleich von existenzieller Bedeutung für die Einzelnen sind und von fundamentaler Bedeutung für unser Miteinander.

Medizinethische Themen werden an der Schnittstelle von Ethik, Recht und Politik interdisziplinär diskutiert. Die moralphilosophischen Beiträge zu diesem Diskurs sind unverzichtbar und fließen als „Musterargumentationen“ in den demokratischen Entscheidungsfindungsprozess ein.

2.  Warum sollte man das Thema „Medizinethik“ auch in der Schule unterrichten?

Themen und Fragestellungen der Medizinethik sind besonders eingängig; die Relevanz normativer Ordnungen und ethisch-moralischer Urteile
wird an ihnen auch für Laien unmittelbar deutlich. Medizinethische Themen sind daher ein gutes Beispiel für Fragestellungen der Angewandten

Ethik und das damit verbundene Bemühen, veränderte Handlungsspielräume normativ zu gestalten.

3.  Wie könnte man die Thematik den Schüler:innen besonders motivierend nahebringen? Welchen Bezug sehen Sie zur alltäglichen Lebenswelt?

Der Bezug zur alltäglichen Lebenswelt liegt bei Themen der Medizinethik in mehrfacher Hinsicht in der Natur der Sache. Zum einen ist sie durch die Verletzlichkeit von Leib und Leben jedes Menschen gegeben. Zum anderen durch die etablierten normativen Ordnungen, mit denen Gesellschaften dieser Verletzlichkeit entgegentreten. Für Schüler:innen müsste es doch interessant sein, am Beispiel medizinethischer Themen gleichsam „hautnah“ zu erfahren, wie bedeutsam normative Ordnungen sind und wie sie entstehen bzw. gestaltet werden.

4.  Welche Themen werden auf dem Gebiet der Medizinethik gerade besonders kontrovers diskutiert und warum? Wie könnte man diese in der Schule diskutieren?

Unsere Gesellschaft befindet sich in einem digitalen Transformationsprozess und das hat auch Auswirkungen auf die Gestaltung unseres Gesundheitswesens und auf die Spielräume ärztlichen Handelns. In diesem Zusammenhang taucht beispielweise die Frage auf, wofür und in welchem Maße sogenannte KI-Technologien entwickelt und genutzt werden sollten.

  • Dürfen wir die diagnostische Analyse persönlicher Befunde oder auch die Gestaltung eines konkreten Behandlungsplans einer Maschine überlassen?
  • Wie können wir sicherstellen, dass die Datenmengen, die in KI-Technologien einfließen, fair verarbeitet werden? Wann darf das ärztliche Urteil von einem maschinell berechneten Befund abweichen?
  • Wer trägt wofür Verantwortung?

 

Ethische Fragen, die in diesem Kontext auftauchen sind ausgesprochen vielfältig und müssen differenziert betrachtet werden. Die entsprechenden Debatten beginnen gerade erst. Ihre Gemeinsamkeit besteht in dem Bemühen, gut begründete Antworten auf die Frage zu finden, wie wir angesichts der neuen digitalen Handlungsoptionen unsere Normen verändern dürfen und müssen, wenn wir unsere höchsten Werte nicht gefährden wollen.

Ein weiteres Thema, das immer stärker ins Blickfeld der Medizinethik rückt, kann als „Gender-Medizin“ bezeichnet werden. Es geht dabei vor allem, bei weitem aber nicht nur um den Zusammenhang von Geschlechtlichkeit und medizinischer Erkenntnis. Erkenntnisse wurden zumeist durch Forschungen an Männern gewonnen. Das benachteiligt strukturell die gesundheitliche Versorgungssituation von Frauen sowie von inter- und transgeschlechtlichen Personen. Wie diese strukturelle Benachteiligung vermieden und aufgehoben werden kann, ist eine Frage, die nicht zuletzt angesichts der anstehenden KI-Technologien dringend zu klären ist. Darüber hinaus wird zunehmend bedeutsam, wie wir Ressourcen des Gesundheitswesens national und international gerecht verteilen können. Debatten über Allokationen im Gesundheitswesen werden seit Jahren differenziert geführt.

5.  Welche Rolle hat die Corona-Pandemie für die Entwicklung der Medizinethik gespielt?

Die Corona-Pandemie ist ein ausgesprochen prägnantes Thema der Public Health-Ethik, die von der Medizinethik deutlich zu unterscheiden ist. Bei der Public Health-Ethik geht es um die ethische Begründung von Normen, die geeignet und angemessen sind, gesundheitliche Risiken für ganze Bevölkerungen und Bevölkerungsgruppen abzuwenden oder einzudämmen.

Die Frage nach einer Impfpflicht wurde und wird in diesem Zusammenhang besonders kontrovers diskutiert. In der Medizinethik geht es hingegen um die ethische Begründung von Normen, mit denen wir den gesundheitsbezogenen Bedarfen der Einzelnen gerecht werden wollen. Ein schwerwiegendes medizinethisches Problem ergab sich hinsichtlich von sogenannten Triage-Situationen, in denen aufgrund begrenzter Ressourcen nicht alle Patient:innen die Behandlung erhalten können, die sie benötigen. Die Frage, nach welchen Kriterien entschieden werden soll, wer eine überlebenswichtige Behandlung, wie beispielsweise eine intensivmedizinische Versorgung mit einem Beatmungsgerät, erhält und wer nicht, hat eine lebhafte und noch andauernde Debatte ausgelöst. In der medialen Berichterstattung wurde die Differenz von medizinethischen Fragen und Fragen der Public Health-Ethik bedauerlicherweise nur unzureichend dargestellt.

6.  Wie kann schwierigen Themen wie „Sterbehilfe“ oder „Organspende im Todesfall“ im Unterricht begegnet werden?

Mit einer guten Balance von Empathie und Sachlichkeit! Lehrkräfte sollten sich darüber im Klaren sein, dass medizinethische Themen generell konfrontativ sind und ihren Schüler:innen – je nach deren Lebenssituation – in unterschiedlichem Maße psycho-emotional nahe gehen. Zugleich bietet aber gerade die für die (medizin)ethische Diskussion unverzichtbare, argumentative Versachlichung von Emotionen eine gute Basis, um psycho-emotionale Reaktionen auf Sachverhalte zur Sprache zu bringen.

Reflektierte Selbstdistanz und die Bereitschaft, sich in die Weltsichten und Lebenslagen anderer hineinzuversetzen, gehören zur Auseinandersetzung mit Themen der Medizinethik. In der Auseinandersetzung mit den Debatten über „Sterbehilfe“ und „Organspende im Todesfall“ können sich Schüler:innen darin üben.

7.  Und zum Schluss: Was würden Sie Lehrkräften raten, die ein Thema der Medizinethik unterrichten möchten?

Guter Unterricht für Schüler:innen ist eine didaktische Kunst und es steht mir nicht zu, in dieser Hinsicht einen Rat zu erteilen. Empfehlenswert ist in jedem Fall eine profunde Sachkenntnis in den jeweils behandelten Fragestellungen, die Kenntnis und explizite Anerkennung verbindlicher rechtlicher Regelungen und die Konzentration auf die in einer moralphilosophischen Argumentation explizierten Prämissen.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Medizinethik im Unterricht der Gesellschaftswissenschaften

Die Bedeutung der kantischen Frage: „Was soll ich tun?“ wird in der Medizinethik unmittelbar greifbar. Sie betrifft uns Menschen in unserem Selbstverständnis, den Anfang und das Ende des Lebens ebenso wie die Frage danach, was das gute Leben ausmacht. Ist erlaubt, was menschenmöglich ist? Oder ist es geboten, um des Schutzes der Menschenwürde willen, Grenzen zu ziehen? Was ist Würde? Und warum werden wir uns ihrer Bedeutsamkeit oftmals erst dann inne, wenn sie verletzt wird?

➔ Was ist der Mensch wert? Können Werte und Interessen Einzelner im medizinischen Ernstfall gegeneinander aufgerechnet werden, wie es Utilitaristen tun? Oder kommt dem Menschen – wie Kant es vertritt – Würde, und damit ein „unvergleichlicher Wert“ zu, der es verbietet, Menschen zu instrumentalisieren und in die menschliche Natur, um medizinischer Forschungszwecke willen, verändernd einzugreifen?

➔ Prothesen, Herzschrittmacher und Hörimplantate – Human-Enhancement-Technologien gehören zum Alltag. Ist es erlaubt, den Menschen mithilfe technischer Mittel zu optimieren? Und wenn ja, wo liegen die ethischen Grenzen des medizinisch Möglichen?

➔ Welche Gerechtigkeit ist „gerecht“? Wie gelingt die bedarfsgerechte Zuweisung von Impfstoff in Pandemiezeiten? Ist es gerechter, Transplantationsorgane nach Dringlichkeit oder nach den Erfolgsaussichten zu vergeben? Organspende – ja oder nein? Seit der Bundestag sich gegen die Widerspruchslösung ausgesprochen hat, liegt es bei jedem Einzelnen selbst zu entscheiden.

➔ Wie gelingt ein Sterben in Würde? Nicht wenige Jugendliche sind betroffen vom Verlust naher Angehöriger. Sie sehen sich herausgefordert, ihnen Nahestehende am Lebensende zu begleitend und ihre Trauer zu verarbeiten. Zugleich sehen sie sich mit der eigenen Sterblichkeit konfrontiert.

➔ Vor allem hinsichtlich der Frage, wie ein würdevoller Tod aussieht, sind sich Befürworter und Gegner von Sterbehilfe uneins. Ist Leben, um jeden Preis zu erhalten? Haben wir das Recht auf einen selbstbestimmten Tod? Darf Menschen, die dazu selbst nicht mehr in der Lage sind, aktiv oder passiv ein Freitod ermöglicht werden? Vor allem die Frage, ob Suizidassistenz in kirchlichen Einrichtungen erlaubt sein sollte, löste eine breite Debatte innerhalb der beiden christlichen Kirchen in Deutschland aus. Bietet die Sterbebegleitung im Hospiz eine Alternative zur aktiven Sterbehilfe?

➔ Worin der Unterschiede zwischen aktiver, passiver und indirekter Sterbehilfe besteht, was Palliativstationen im Gegensatz zu Kinderhospizen leisten und wie man eine Patientenverfügung verfasst, auch darauf antworten unsere Unterrichtseinheiten.

 

Medizinethik im Unterricht der Naturwissenschaften

Die bioethische Bewertungskompetenz ist in den Bildungsplänen das Fachs Biologie zahlreicher Bundesländer fest verankert. Anknüpfend an zentrale Lehrplanthemen bieten sich diverse medizinethische Themen als alltagsrelevante Beispiele an, um die Schülerinnen und Schüler hin zu einem gesellschaftsfähigen Diskurs zu führen. Dies reicht von fachlich einfacher zu greifenden Themen wie der Frage "Sollte es eine Organspendepflicht für alle geben?" bis hin zu wissenschaftlich komplexeren Themen.

Neueste biotechnologische Methoden mit CRISPR/Cas beispielsweise ermöglichen einen präzisen Eingriff in das Erbgut. So könnten genmanipulierte Schweineherzen als Transplantate für herzkranke Menschen dienen. Doch ist die Transplantation von Xenotransplantaten ethisch vertretbar? Die CRISPR/Cas-Technologie könnte noch weiter gehen und auch menschliche Gene modifizieren, um nach erfolgter Gendiagnostik von Erbkrankheiten z. B. Krankheiten wie die Phenylketonurie erst gar nicht aufkommen zu lassen. Aber wollen wir wirklich Designerbabys und wo sind die Grenzen?

Auch die Frage, ob menschliche embryonale Stammzellen für medizinische Therapien, z. B. der Querschnittlähmung, Einsatz finden sollen wird weiterhin mehrperspektivisch und kontrovers diskutiert. Bei der Querschnittlähmung spielt auch der neue Forschungszweig der Neuroprothetik eine immer wichtigere Rolle. So soll es in Zukunft nur durch Gedanken möglich sein, Robotergliedmaßen zu steuern oder defekte Nervenbahnen zu überbrücken. Doch zur Erforschung dieser medizinischen Hilfsmittel sind auch Tierversuche nötig. Dies wirft den ethischen Konflikt auf: Darf man Tiere stellvertretend für den Menschen leiden lassen?

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