Ein Interview mit Marlon Lamour und Micha Pallesche
Die PISA-Ergebnisse sind so schwach wie nie. Mehr Übungsstunden, weniger Projekte – ist das die Lösung? Die Schulleiter Marlon Lamour und Micha Pallesche sagen: Nein. Im Interview erklären sie, warum Basiskompetenzen und selbstständiges Lernen zusammengehören und was Schulen jetzt angehen können.

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Ein Wort vorab
Wenn neue PISA-Zahlen erscheinen, landen sie wenige Tage später auf dem Schreibtisch jeder Schulleitung – verbunden mit der Frage: „Und was machen wir jetzt?" Die Versuchung ist groß, schnell zu reagieren: mehr Übungsstunden, mehr Arbeitsblätter, weniger Projekte. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass einfache Antworten selten den Schulalltag verbessern.
Deshalb haben wir als Redaktion das Gespräch mit zwei sehr erfahrenen Schulleitern gesucht, die täglich Verantwortung für ihre Schulen tragen: Marlon Lamour und Micha Pallesche. Sie ordnen die Ergebnisse ein, benennen die Grenzen im Schulalltag ehrlich und geben konkrete Hinweise, womit Schulen im laufenden Schuljahr beginnen können. Unser Eindruck: Es lohnt sich, sich dafür Zeit zu nehmen.
Die Interviewpartner: Marlon Lamour und Micha Pallesche

Marlon LamourMarlon Lamour ist Schulleiter der Freihof-Realschule in Kirchheim/Teck. Unter seiner Leitung entwickelt die Schule innovative Konzepte einer positiven Unterrichtskultur, die individuelle Förderung, Wellbeing und digitale sowie analoge Kompetenzen in den Mittelpunkt stellt. Zugleich ist er als Referent und Fortbildner für Schulleitungsteams tätig.

Micha PallescheMicha Pallesche leitet die vielfach ausgezeichnete Ernst-Reuter-Gemeinschaftsschule in Karlsruhe, die 2025 den Themenpreis Demokratiebildung des Deutschen Schulpreises und 2026 den Schulpreis „Demokratie und Werte (er)leben“ erhielt. Er ist BMBF-Experte und verantwortet das Programm von school@LEARNTEC. 2022 wurde er gemeinsam mit Dominik König-Kurowski mit dem ersten Preis in der Kategorie „Vorbildliche Schulleitung“ des Deutschen Lehrkräftepreises ausgezeichnet. Er promoviert zu Transformationsprozessen in der Kultur der Digitalität und setzt sich dafür ein, Kinder und Jugendliche zu selbstwirksamen, verantwortungsvollen Persönlichkeiten zu stärken.
Redaktion: Herr Lamour, was ist für Sie die wichtigste Botschaft aus den PISA-Ergebnissen?
Lamour: Die wichtigste Botschaft ist für mich: Wir dürfen die Ergebnisse weder dramatisieren noch relativieren. Deutschland erreicht in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften die niedrigsten Werte seit Beginn der PISA-Erhebungen. Besonders problematisch ist dabei, dass der Anteil der Jugendlichen ohne ausreichende Basiskompetenzen seit 2015 deutlich gestiegen ist – in Mathematik um 17, im Lesen um 15 und in den Naturwissenschaften um zehn Prozentpunkte.
Für Schulleitungen heißt das: Wir müssen uns wieder sehr konkret mit der Frage beschäftigen, was Schülerinnen und Schüler am Ende tatsächlich können. Nicht jedes neue Konzept, nicht jedes Projekt und nicht jede Innovation führt automatisch zu besserem Lernen. Schulentwicklung muss stärker vom Lernen her gedacht werden.
Gleichzeitig wäre es aus meiner Sicht falsch, PISA auf die Botschaft „mehr Arbeitsblätter und mehr Übungsstunden“ zu verkürzen. PISA selbst misst ja gerade nicht nur reproduzierbares Wissen, sondern die Fähigkeit, Wissen anzuwenden, Informationen zu beurteilen und Probleme zu lösen. Die Aufgabe besteht deshalb darin, Basiskompetenzen und anspruchsvolles, selbstständiges Lernen zusammenzubringen.
Redaktion: Herr Pallesche, wie ging es Ihnen mit den Zahlen?
Pallesche: Ganz ehrlich, ich war gar nicht so geschockt, weil ich es auch irgendwie in dieser Form erwartet habe. Klar, die Zahlen sind definitiv niedrig. Es sind die Zahlen in allen Ländern gesunken, aber Deutschland nochmal deutlich stärker als die der anderen Länder. Für mich waren zwei Dinge das Entscheidende: Das eine sicherlich der Abfall der Basiskompetenzen, da werden wir nachher noch zu sprechen kommen. Natürlich frage ich mich, wie gehen wir damit um?
Das zweite ist für mich mindestens genauso bedeutsam: Die große Lücke, die wir in Deutschland haben. Dass es uns nicht gelingt, den Bildungserfolg der Kinder vom Elternhaus zu entkoppeln. Da sehe ich einen riesigen Bedarf in den Schulen und auch ein großes Potenzial, wenn uns das gelänge. Ich glaube, das machen andere Länder deutlich besser.
Basiskompetenzen oder selbstständiges Lernen?
Redaktion: Herr Lamour, die Reaktion auf PISA lautet häufig: mehr Mathematik, mehr Lesen, mehr Üben. Brauchen wir vor allem eine stärkere Konzentration auf Basiskompetenzen oder sollten wir den Fokus auf Selbstständigkeit, Problemlösen, Partizipation und lebensnahes Lernen legen?
Lamour: Für mich ist dieses „entweder – oder“ einer der größten Denkfehler in der Bildungsdebatte.
Natürlich brauchen wir starke Basiskompetenzen. Wer nicht sicher lesen kann, wird auch in Geschichte, Biologie oder Physik Schwierigkeiten bekommen. Wer grundlegende mathematische Fähigkeiten nicht beherrscht, kann komplexe Probleme nur schwer lösen.
Aber Basiskompetenzen sind kein Selbstzweck, sondern das Fundament für anspruchsvolleres Lernen. Ich möchte nicht, dass Schülerinnen und Schüler perfekt Aufgabenformate trainieren, aber Schwierigkeiten bekommen, wenn eine Fragestellung einmal anders aussieht.
Deshalb müssen wir beides verbinden: systematisches Üben und Anwenden, Wissen und Problemlösen, Anleitung und Selbstständigkeit.
Gerade PISA unterstreicht diese Verbindung. 2025 wurden neben den klassischen Kompetenzbereichen auch Fähigkeiten im computergestützten Problemlösen untersucht. Gleichzeitig warnt die OECD vor einer zu passiven digitalen Nutzung und vor oberflächlichem Lesen.
Für mich lautet die Konsequenz deshalb nicht: weniger selbstständiges oder projektorientiertes Lernen. Sondern: Selbstständigkeit braucht ein solides Fundament. Ein Frei-Raum, projektorientiertes Lernen oder digitale Arbeitsformen funktionieren dann besonders gut, wenn Schülerinnen und Schüler gleichzeitig lesen, schreiben, rechnen, recherchieren und kritisch denken können.
Wo Schulen an Grenzen stoßen
Redaktion: Schulen berichten immer wieder von den eigenen Grenzen in der Umsetzung von neuen Lehr-Lern-Szenarien. Herr Pallesche, wo stoßen Sie an Ihrer Schule an Grenzen, und wo wünschen Sie sich bessere Rahmenbedingungen?
Pallesche: Jetzt könnte ich natürlich sagen: Wir wünschen uns Lehrkräfte, Doppelbesetzungen und was sonst noch kommt. Klar, es ist viel Arbeit, und natürlich würden wir uns das wünschen. Die Forderungen sind allseits bekannt.
Klar haben wir Grenzen. Wir sind eine reine Sekundarschule und bekommen Schülerinnen und Schüler von fünf bis sechs Grundschulen. Diese Kinder sind vorher schon mindestens vier Jahre zur Schule gegangen. Wir müssen erst mal schauen: Was können sie eigentlich? Was brauchen sie? Die Grenze ist natürlich erreicht, wenn ich schauen muss, wie viel Begleitung und wie viel Zeit jedes einzelne Kind braucht – und wir bei Klassengrößen von 28 bis 30 Kindern gucken müssen, ob wir überhaupt jedes Kind so begleiten können. Dafür gibt es sicher auch Strategien.
Ich denke aber auch, dass in Zukunft künstliche Intelligenz eine Rolle spielen kann: Sie kann gute Diagnostik liefern und letztendlich vielleicht auch individuelle Lernpfade in bestimmten Bereichen vorschlagen. Da gibt es viele Möglichkeiten. Aber klar: Je heterogener die Gruppe, je größer die Sprachdefizite, desto umfangreicher der Zeitinvest – und desto innovativer muss man werden.
Was Schulen jetzt konkret angehen können
Redaktion: Ihr wichtigster Rat für das Schuljahr, Herr Pallesche?
Pallesche: Je nachdem, wo die Schulart anfängt, würde ich tatsächlich bei den Basiskompetenzen ansetzen und ein Konzept zur Förderung der Basiskompetenzen entwickeln. Wir haben uns bei uns an der Schule auf Standards in allen Fächern geeinigt, sodass wir das Lesen quasi als Leitfach betrachten und immer wieder mit Schülerinnen und Schülern in unterschiedlichsten Fächern lesen – das kann sogar in den Naturwissenschaften sein. Das ist relativ einfach umzusetzen.
Das Zweite ist tatsächlich zu überlegen: Wie gelingt es uns, dass die Schülerinnen und Schüler gerne in die Schule kommen? Wie gelingt es, dass sie andere Settings vorfinden, in denen sie gut lernen können? Wie können wir Lernen so verändern, dass es nachhaltiger gelingt und dass die Vergessensquote niedriger ist? Das ist natürlich das dickere Brett.
Und vielleicht noch ein Schlüssel: Menschen von außerhalb in die Schule holen, die uns in diesem Prozess unterstützen, weil wir das als Schule vielleicht gar nicht mehr allein schaffen.
Redaktion: Und Ihrer, Herr Lamour?
Lamour: Ich würde sagen: Wählt ein oder zwei zentrale Themen, bei denen ihr das Lernen eurer Schülerinnen und Schüler wirklich verbessern wollt – und arbeitet daran konsequent gemeinsam.
Das könnte beispielsweise Lesekompetenz sein. Dann aber nicht nur als Aufgabe der Deutschfachschaft, sondern als Aufgabe der ganzen Schule: Wie lesen wir im naturwissenschaftlichen Unterricht? Wie erschließen Schülerinnen und Schüler komplexe Aufgabenstellungen in Mathematik? Wie gehen wir mit Quellen um? Wie üben wir, Informationen kritisch zu beurteilen?
Und ich würde zugleich überprüfen, wo digitale Geräte Lernen unterstützen und wo sie Lernen eher behindern. PISA 2025 zeigt sehr deutlich, dass digitale Medien nicht per se positiv oder negativ sind. Entscheidend sind Nutzung, pädagogische Führung und die Fähigkeit, konzentriert zu arbeiten. 28 Prozent der Jugendlichen im OECD-Raum berichten beispielsweise, dass Mitschüler sie in den meisten oder allen naturwissenschaftlichen Stunden durch digitale Geräte ablenken.
Mein Rat wäre deshalb: Nicht auf den nächsten großen Bildungstrend warten. Das Kerngeschäft stärken. Guter Unterricht, gute Beziehungen, klare Erwartungen, gemeinsames Üben und gleichzeitig Räume schaffen, in denen junge Menschen Verantwortung übernehmen und selbstständig denken lernen.
PISA erinnert uns daran, dass Schule wieder stärker vom Lernen her gedacht werden muss: solide Grundlagen, anspruchsvolles Denken und echte Selbstständigkeit gehören dabei nicht gegeneinander ausgespielt, sondern konsequent zusammen.
Unser Fazit: Drei Impulse für die Schulentwicklung
Was können Sie aus dem Gespräch für die Arbeit an der eigenen Schule mitnehmen?
Beides gehört zusammen. Die Debatte „Üben oder Projekte?" führt in die Sackgasse. Entscheidend ist, dass Schülerinnen und Schüler Gelerntes auch dann anwenden können, wenn eine Aufgabe einmal anders aussieht.
Weniger ist mehr. Statt zehn Baustellen gleichzeitig zu eröffnen, lohnt es sich, ein oder zwei Themen auszuwählen und sie gemeinsam konsequent zu verfolgen – etwa das Lesen als Aufgabe aller Fächer. Basiskompetenzen und selbstständiges Lernen sind kein Gegensatz - macht euch dennoch auf dem Weg. Basiskompetenzen sind das Fundament, nicht der Gegenspieler.
Das Kerngeschäft stärken. Guter Unterricht, tragfähige Beziehungen und klare Erwartungen sind kein Trend, auf den man warten müsste. Sie sind der Ausgangspunkt für alles Weitere.
Als Anregung für die nächste Konferenz oder den pädagogischen Tag:
Welches ein oder zwei Themen würden wir an unserer Schule im laufenden Schuljahr wirklich gemeinsam angehen?
Wo wird bei uns gelesen – und wo könnte Lesen in weiteren Fächern zum selbstverständlichen Bestandteil des Unterrichts werden?
Wo unterstützen digitale Geräte unser Lernen, und wo lenken sie eher ab?
Welche externe Unterstützung könnte uns im Schulentwicklungsprozess weiterbringen?
Wir freuen uns, wenn wir Ihnen so eine Einordnung der aktuellen PISA-Ergebnisse statt Alarmismus und konkrete Impulse vermitteln konnten, und vielleicht auch etwas Rückdeckung, denn Schulen können nicht alles kompensieren.
Das ganze Gespräch lesen
Die vollständigen Interviews finden Sie hier:
Was die PISA-Ergebnisse für den Unterricht bedeuten mit Schulleiter Marlon Lamour
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