„Wenn Familien am Küchentisch über Noten zerbrechen, ist das kein privates Problem – es ist ein strukturelles Versagen von Schule.“
Wenn Schule Familien krank macht
Ein Gastbeitrag von Carsten Arntz

© Carsten Arntz, erstellt mit Google Gemini, KI-Technologie
Über Leistungsdruck, Angst und die psychosozialen Nebenwirkungen
Schule ist in Deutschland längst kein reiner Lernort mehr. Sie ist zur Sortiermaschine mutiert, zum Hochdruckkessel, zur Zukunftsagentur und zur Projektionsfläche familiärer Hoffnungen. Für viele Kinder bleibt sie ein rettender Anker, doch für eine stetig wachsende Gruppe wird sie zum Ort chronischer Anspannung. Und nein – das liegt nicht daran, dass Eltern plötzlich verweichlicht sind oder eine ganze Generation das Etikett „nicht mehr belastbar“ verdient. Die Wahrheit ist nicht einfach. Eine psychisch ohnehin stark beanspruchte Kohorte prallt auf ein System, das bis heute unerbittlich nach den Prinzipien von Bewertung, Vergleich, Selektion und Versetzungsdruck tickt.
Dabei vergessen wir völlig, für wen dieses Konstrukt eigentlich gebaut wurde. Wir berauben unsere Kinder und Jugendlichen jenes Antriebs, mit dem sie geboren wurden: der reinen, unbändigen Freude am Lernen. Schlimmer noch, wir schauen fast schon apathisch zu, wie wir sie durch diesen methodischen Verschleiß sehenden Auges in handfeste Depressionen hineinlaufen lassen. Die empirische Lage zeichnet ein glasklares, beunruhigendes Bild. Leistungsdruck, Prüfungsangst, psychosomatische Beschwerden und emotionale Erschöpfung verflechten sich zu einem toxischen Knoten, den Schulpolitik und Pädagogik nicht länger als Randnotiz abtun können. Die Zahlen sind ein Weckruf.
Das Deutsche Schulbarometer 2025/26 der Robert Bosch Stiftung zeigt, dass ein Viertel der 8- bis 17-Jährigen Anzeichen psychischer Belastung aufweist. 26 Prozent beklagen eine geringe Lebensqualität, knapp die Hälfte stöhnt unter massivem Leistungsdruck und opfert gar ihre Wochenenden dem Schulstoff.¹ Kinder aus einkommensschwachen Familien tragen dabei den schwersten Rucksack. Diese Befunde treffen auf eine Generation, deren Fundament durch Pandemiejahre, globale Dauerkrisen und die digitale Reizüberflutung ohnehin Risse bekommen hat. Die COPSY-Studie (2020–2024) des UKE Hamburg belegt dies schonungslos. Zwar haben sich die dramatischen Spitzen der Pandemie geglättet, doch die Grundbelastung bleibt alarmierend hoch.²
Schule ist nicht der einzige Stressor im Leben dieser Kinder, aber sie ist der hartnäckigste. Sie taktet den Morgen, dominiert den Nachmittag, überschattet das Wochenende und vergiftet mit der Angst vor der nächsten Klausur oder vor Nichtversetzung in die nächsthöhere Klasse selbst die Ferien. Genau diese Dauerpräsenz verleiht ihren Instrumenten eine so gewaltige, oft zerstörerische Wucht.
Die Anatomie des Drucks
In den Lehrerzimmern und Elternforen dieser Republik wird Leistungsdruck gern romantisiert. Er firmiert dann unter Vokabeln wie „Anstrengungsbereitschaft“ oder „Vorbereitung auf das echte Leben“. Doch das ist ein gefährlicher Trugschluss. Leistung ist der Motor der Schule, ja. Aber Angst ist kein Qualitätsmerkmal von Bildung.
Eine Untersuchung von Becker und Börnert-Ringleb liefert den Beweis: Schulleistung ist untrennbar mit Angst- und Stresserleben gekoppelt.³ Dieser toxische Kreislauf wird genau dann in Gang gesetzt, wenn Anforderungen als nackter Druck wahrgenommen werden. Wer vor einer Mathematikarbeit das Essen verweigert, nachts wach liegt oder panisch auf die Rückgabe von Heften reagiert, durchlebt keinen normalen Lernkonflikt mehr. Hier ist die rote Linie zur gesundheitlichen Gefährdung überschritten.
Für Lehrkräfte bedeutet das, dass anspruchsvoller Unterricht nicht der Feind ist. Das System kippt erst dort, wo Leistungssituationen beschämend, existenziell aufgeladen und gnadenlos vergleichend gestaltet werden. Gerade für Kinder mit brüchigem Selbstwertgefühl ist eine Note keine neutrale Information. Sie ist ein vernichtendes Urteil über ihre Person.
Wenn die Seele schweigt, spricht der Körper
Die HBSC-Studie des Robert Koch-Instituts (2009–2022) deckt auf, wie tief die Schule in die Körper der Kinder kriecht. Die Hälfte der Mädchen und ein Drittel der Jungen leiden unter multiplen psychosomatischen Beschwerden – von Kopf- und Bauchschmerzen über massive Schlafstörungen bis hin zu ständiger Gereiztheit. Besonders in den letzten Jahren hat sich diese Kurve dramatisch verschlechtert.⁴
Psychosomatik ist die Muttersprache der Überforderten. Ein Elfjähriger formuliert nicht: „Ich durchlebe gerade ein dysfunktionales Verhältnis von Anforderung und Selbstwirksamkeit.“ Er sagt: „Mir ist schlecht.“ Er sagt: „Ich habe Bauchschmerzen.“
Das DAK-Präventionsradar 2024 unterstreicht dieses Bild mit Wucht.⁵ Von über 23.000 befragten Heranwachsenden gab mehr als die Hälfte an, mindestens einmal pro Woche völlig erschöpft zu sein. 37 Prozent finden nachts keine Ruhe. Diese Daten sind kein pädagogisches Hintergrundrauschen. Sie sind der reale Zustand jener Menschen, die morgens um acht Uhr in unseren Klassenzimmern sitzen. Lehrkräfte unterrichten keine leeren Festplatten, sondern Kinder mit Körpern, Ängsten, Schlafdefiziten und tiefen Erschöpfungsmustern.
Die soziale Macht der Noten
Auf dem Papier sind Noten bloße Messwerte. In der Realität sind sie soziale Sprengsätze. Sie entscheiden über den Familienfrieden am Nachmittag, über Anerkennung, über die Wahl der Schulform und letztlich über Lebensläufe.
Aus psychologischer Sicht (wie die Forschung von Eccles/Wigfield⁶ zeigt) geschieht hier etwas Verhängnisvolles: Wird Leistung dauerhaft als Bewertung des eigenen Wertes erlebt, stirbt die innere Motivation. An ihre Stelle tritt die „erlernte Hilflosigkeit“ – der fatale Glaube eines Kindes, dass ohnehin keine Anstrengung der Welt mehr etwas an seinem Versagen ändern kann. Ein psychisch robustes Kind steckt eine „Fünf“ als Korrekturhinweis weg. Ein ohnehin wankendes Kind liest darin die Bestätigung seiner tiefsten Ängste: „Ich bin nicht gut genug.“
Sitzenbleiben: Das pädagogische Phantom
Kaum ein schulisches Instrument ist in Deutschland so tief verwurzelt und gleichzeitig wissenschaftlich so krachend gescheitert. Die internationale Forschungslage, allen voran die Metaanalysen von John Hattie, entlarvt das „Sitzenbleiben“ als ineffektiv.⁷ Es bringt langfristig keine besseren Leistungen, erhöht stattdessen das Risiko für Schulabbrüche und demoliert den Selbstwert. Auch die OECD mahnt unermüdlich an, dass Länder mit hohen Wiederholerquoten keine besseren Bildungsabschlüsse erzielen.
Warum halten wir also daran fest? Weil das Sitzenbleiben primär als Drohkulisse funktioniert. Die reine Androhung diszipliniert das Verhalten von Schülern und Eltern. Doch diese ständige Angst vor dem Fallbeil erzeugt ein Klima, in dem Lernen nicht mehr aus Neugier, sondern aus nackter Existenzangst geschieht. Etwa ein Viertel der Schüler leidet unter massiver Prüfungsangst, die Schulvermeidungsquoten liegen bei bis zu 10 Prozent. Wenn Angst chronisch wird, verändert sie alles: das Verhalten, die Wahrnehmung, die kindliche Entwicklung.
Der Esstisch als Schlachtfeld
Der Druck bleibt nicht im Klassenzimmer. Er wandert im Schulranzen mit nach Hause und externalisiert die Steuerungslogik der Schule in den privaten Raum. Wenn Hausaufgaben, Prüfungsvorbereitungen und Lernorganisation das Familienleben diktieren, kippt das System.
Eltern werden zu Hilfslehrern degradiert – eine Rolle, für die sie weder ausgebildet noch nervlich gewappnet sind. Aus Begleitung wird Kontrolle, aus elterlicher Liebe wird ein funktionales Abhaken von To-do-Listen. Die Familie geht dabei nicht mit einem dramatischen Knall zu Bruch. Sie erodiert schleichend. Sie geht an der Übermacht der Schule langsam, aber sicher zugrunde. Das gemeinsame Abendessen wird zum Tribunal, das Kinderzimmer zur Außenstelle des Schulamts. Beratungsstellen schlagen Alarm, denn Schulstress ist mittlerweile einer der zentralsten Auslöser für massive familiäre Krisen, die nicht selten in Trennungen gipfeln. Die Schule vergiftet den Ort, der eigentlich der Erholung dienen sollte.
Wenn Pädagogik vor Gericht landet
Ein untrüglicher Indikator für die Überhitzung des Systems ist die Flucht ins Recht. Eltern nehmen schulische Entscheidungen – seien es Noten, Versetzungen oder Schulformempfehlungen – nicht mehr als pädagogische Setzungen hin. Sie schalten Anwälte ein. Das ist keine plötzliche Häufung von „Querulanten“, sondern eine logische Konsequenz. Wenn schulische Entscheidungen derart existenziell für die Zukunft eines Kindes sind, werden sie bis zur letzten Instanz bekämpft. Die Pädagogik kapituliert vor der Jurisprudenz.
Die Seismografen der Generation Z
Trifft all das nun auf eine Generation von „Schneeflocken“? Nein. Die Generation Z bringt lediglich andere Voraussetzungen mit. Studien (wie die Shell-Jugendstudie⁸ oder der DAK-Gesundheitsreport 2025⁹) beschreiben eine Generation, die durch soziale Medien extrem sensibel für Vergleiche und Bewertungen geworden ist. Sie tolerieren langfristige Unsicherheiten schlechter. Diese Generation ist nicht schwächer; sie ist schlichtweg ein präziserer Seismograf. Sie reagiert schneller und sichtbarer auf die Konstruktionsfehler eines Systems, das nicht mehr in die Zeit passt.
Die Lösung liegt nicht in billigen Extremen. Es geht nicht darum, Leistung abzuschaffen, die Schule in eine Wohlfühloase umzubauen oder Verantwortung abzuschieben. Es geht um einen chirurgischen Eingriff in das Systemdesign. Wir müssen grundlegende Fragen beantworten: Wie melden wir Leistung zurück, ohne zu beschämen? Wann selektieren wir, und welchen Preis zahlen wir da für? Welche Signale sendet die Institution Schule an einem normalen Dienstagvormittag?
„Schule verliert ihre Legitimation in dem Moment, in dem sie Angst braucht, um Leistung zu erzeugen.“
Schule macht nicht aus Prinzip krank. Aber sie agiert als Architekt von Rahmenbedingungen, unter denen die psychische Gesundheit massiv ins Wanken gerät und die Flamme der Neugier systematisch erstickt wird. Am Ende zählt nicht die gute pädagogische Absicht, sondern die reale Wirkung auf das Kind. Und ein System, das täglich die Zukunft unserer Gesellschaft in seinen Räumen formt, darf es sich schlichtweg nicht leisten, diese Wirkung weiterhin zu ignorieren, oder seine eigenen Kunden auf dem Altar des Leistungsdrucks zu opfern.

Carsten Arntz ist Oberstudiendirektor i. K. und Schulleiter des Erzbischöflichen Berufskollegs Köln. Für seine Arbeit wurde er mit dem Deutschen Lehrkräftepreis 2025 in der Kategorie „Vorbildliche Schulleitung“ ausgezeichnet. Er betreibt die Internetseite www.digitaleschulleitung.de und ist Mitglied des Fachbeirats von Schulleitung Online.

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Quellen
⁶ Wigfield, Allan, und Jacquelynne S. Eccles. „Expectancy–Value Theory of Achievement Motivation“. Contemporary Educational Psychology, Bd. 25, Nr. 1, 2000, S. 68–81.
⁸ 19. Shell Jugendstudie. Pragmatisch zwischen Verdrossenheit und gelebter Vielfalt.