Liebe und Sexualität im Unterricht

20.05.2026
6 Minuten
Sekundarstufe

Sensibel über Beziehung, Identität und Verantwortung sprechen

Die Jahre des Erwachsenwerdens sind von lebensverändernden Themen geprägt. Dabei ist die erste Liebe oft eines davon. Auch erste sexuelle Erfahrungen spielen in diesem Kontext eine Rolle. Der Ethikunterricht sowie der Religionsunterricht können hierfür einen sicheren Raum bieten. Denn zur Selbstfindung gehören auch die Fragen: Was wünsche ich mir von Liebe, Freundschaft und Partnerschaft? Wann gelingen Beziehungen? Wie gehe ich verantwortungsvoll mit mir selbst und anderen um? Und wie lassen sich Freiheit, Selbstbestimmung und gesellschaftliche Erwartungen miteinander vereinbaren?

Sieben Personen stehen gemeinsam vor der Kamera und lachen ins Bild.

© Kar-Tr auf Getty Images

Der Themenbereich verlangt Einfühlungsvermögen, da Jugendliche auf Gespräche über Liebe, Sexualität und Unsicherheiten sehr unterschiedlich reagieren. Entscheidend ist eine vertrauensvolle Atmosphäre, in der respektvoll diskutiert und über Liebe, Lebensformen sowie gelingende Beziehungen nachgedacht werden kann.

Eine sichere Gesprächsatmosphäre schaffen – 6 Unterrichtsideen zu Liebe, Sexualität und Partnerschaft

Materialien, die sensible Themen nicht frontal oder belehrend behandeln, sondern über konkrete Situationen, Figuren, Bilder und kreative Aufgaben zugänglich werden lassen, helfen, eine vertrauensvolle Gesprächsatmosphäre zu schaffen. Sie laden ein über Liebe, Sexualität, Freundschaft und Partnerschaft nachzudenken, ohne Persönliches preisgeben zu müssen.

Zentrale Themen für den Unterricht sind:

Gefühle & Grenzen

Gefühle, Bedürfnisse und Grenzen wahrnehmen.

Freundschaft & Liebe

Freundschaft, Liebe und Partnerschaft reflektieren.

Selbstbestimmung

Selbstbestimmung und Verantwortung besprechen.

Lebensformen

verschiedene Lebensformen kennenlernen.

1. Über die Liebe sprechen – Romanfiguren einbinden

Ein Zugang zu wichtigen Themen kann beispielsweise durch Romanfiguren entstehen. Deren Erfahrungen und Konflikte bieten Jugendlichen einen altersnahen Gesprächsanlass. Jugendliche können so über die erste Liebe, Sexualität, Rollenbilder oder Pornografie sprechen, ohne sich selbst offenbaren zu müssen. Portfolioarbeit, kreative Schreibaufträge, Collagen, Memes oder szenisches Spiel ermöglichen eine reflektierte Auseinandersetzung mit diesen Themen. Die Lernenden äußern sich dabei über die Figuren im Roman. Der Perspektivwechsel dient als Schutzraum.

2. Sexuelle Vielfalt im Unterricht thematisieren

Auch sexuelle und geschlechtliche Vielfalt lässt sich im Unterricht oft nicht einfach „nebenbei“ behandeln. Begriffe sind sensibel und Haltungen können stark variieren. Manche Lernenden sind möglicherweise selbst betroffen, ohne dies offen zeigen zu wollen. Umso wichtiger sind Materialien, die Orientierung geben, ohne zu überfordern. Hilfreich sind Zugänge, die nicht fertige Urteile liefern, sondern Schülerinnen und Schüler zur Reflexion anregen:

  • Was prägt unser Bild von Geschlecht und Partnerschaft?

  • Welche Erwartungen begegnen uns in Familie, Schule oder Medien?

  • Wie fühlt es sich an, wenn Menschen diesen Erwartungen nicht entsprechen können oder wollen?

Damit wird Vielfalt nicht als abstraktes Begriffsfeld behandelt, sondern als Frage des Zusammenlebens. Lernende reflektieren Geschlechterbilder sowie Formen von Beziehungen. Sie setzen sich mit Ausgrenzung und Diskriminierung auseinander und entwickeln Ideen, wie Vielfalt in der Schule sichtbar werden kann.

3. Beziehungsformen – Von Freundschaft und Liebe

Freundschaftliche Beziehungen sind Jugendlichen vertraut. Sie können als Grundlage für die Frage dienen, wie junge Menschen ihre Beziehungen gestalten und leben wollen.

  • Was zeichnet wahre Freundschaft aus?

  • Welche Rolle spielen Vertrauen, Zuneigung und Wertschätzung?

  • Worin unterscheiden sich Freundschaft, Verliebtsein und Liebe?

Selbst- und Fremdwahrnehmungsübungen laden ein, darüber nachzudenken, was die Jugendlichen an sich selbst und an anderen schätzen. Bildimpulse, kreative Gestaltungsaufgaben und Rollenspiele helfen dabei, Merkmale echter Freundschaft sichtbar werden zu lassen. Umfragen, Tagebucheinträge oder eigene Bilder zur Liebe eröffnen Gesprächsanlässe.

4. Sexualisierte Medienbilder hinterfragen

Sexualität begegnet Jugendlichen heute häufig in medial vermittelter Form: in Werbung, Internet, Pornografie oder sexualisierter Alltagssprache. Diese Eindrücke prägen Vorstellungen davon, wie Sexualität aussieht, wie sie „funktioniert“ und welche Erwartungen damit verbunden sein können. Sinnvoll ist es, solche Medienbilder im Unterricht zunächst wertfrei wahrzunehmen und gemeinsam zu fragen:

  • Welche Botschaften werden hier vermittelt?

  • Welche Vorstellungen von Nähe, Körperlichkeit, Beziehung oder Attraktivität entstehen?

  • Wo unterscheiden sich mediale Inszenierungen von eigenen Wünschen, Unsicherheiten und realen Erfahrungen?

5. Vielfalt an familiären Lebenssituationen betrachten

Der Blick auf Ehe, Familie und verschiedene Lebensformen bedarf im Unterricht besonderer Sensibilität. Denn nicht alle Jugendlichen möchten über ihre Familie oder familiäre Bezugspersonen sprechen. Familie kann Geborgenheit, Unterstützung und Zugehörigkeit bedeuten, aber auch mit Trennung, Verlust, Streit oder belastenden Erfahrungen verbunden sein. Deshalb bietet es sich an, unterschiedliche Familienformen zunächst über Bilder, Begriffe und Beispiele zugänglich zu machen. So können Begriffe wie Kernfamilie, Patchworkfamilie, Regenbogenfamilie, Pflegefamilie, Adoption oder Großfamilie in den Blick genommen werden, ohne dass einzelne Lernende sich konkret positionieren müssen.

Wichtig ist eine offene Grundhaltung: Es geht nicht darum, Familienformen in „normal“ oder „unnormal“ einzuteilen, sondern sichtbar zu machen, wie vielfältig Familie heute gelebt wird.

Gleichzeitig können Lernende darüber nachdenken, was Familie unabhängig von ihrer Form ausmacht: Unterstützung, Liebe, Geborgenheit, Pflichten und Konflikte.

6. Beziehungen reflektieren

Themen wie Dating, Partnerwahl oder erste Beziehungen sind nah an der Lebenswelt vieler Jugendlicher. Dabei geht es nicht nur um romantische Vorstellungen, sondern auch um konkrete Überlegungen:

  • Was wünsche ich mir von einem Menschen an meiner Seite?

  • Welche Rolle spielen Aussehen, gemeinsame Interessen, Werte oder Charakter?

  • Woran merke ich, ob eine Beziehung mir guttut?

Im Unterricht lassen sich solche Fragen lebensnah aufgreifen, ohne private Erfahrungen offenzulegen. Fiktive Suchprofile, kreative Rollenspiele oder Umfragen bieten Gesprächsanlässe mit genügend Abstand. Besonders wertvoll ist der Blick auf verschiedene Phasen von Liebe und Partnerschaft: vom Verliebtsein über Partnerwahl, Kommunikation, Vertrauen und Kompromisse bis hin zu Konflikten, toxischen Beziehungsmustern und Trennung. So wird Liebe nicht nur als Gefühl betrachtet, sondern auch als Beziehung, die gestaltet werden muss. Lernende entwickeln Kriterien für gelingende Partnerschaften und reflektieren, welche Rolle Verantwortung, Respekt und klare Kommunikation spielen.

Die Autorin: Nadja Mittag

Nadja Mittag entwickelt als Redakteurin im Bereich Gesellschaftswissenschaften bei RAABE Unterrichtsmaterialien für die Fächer Ethik und Wirtschaft. In ihrer Arbeit verbindet sie gesellschaftliche und philosophische Themen mit kreativen, lebensnahen und schülerorientierten Unterrichtszugängen. Besonders wichtig ist ihr die verständliche Aufbereitung komplexer Fragestellungen.